Frauengeschichte(n)
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"Verletzt" von Anna-Katharina  (Deutschland, geb. 1984)
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Es war ein Samstag. Da war grad Carnival der Kulturen in Bielefeld. Die Straßen waren voll und es war schon ziemlich spät nachts. So zwischen halb zwei und halb drei. Ich war durch und fertig, weil ich an dem Tag lange gearbeitet und erst um halb eins frei hatte.
Danach habe ich mich mit einem Freund getroffen und wir sind zusammen spazieren gegangen. Irgendwie sind wir ziemlich lange durch die Gegend gelatscht. Mehreren Straßen entlang und haben gar nicht geguckt, wo wir her gehen. Auch an einem dunklen Parkplatz vorbei. Plötzlich haben wir ein Schreien gehört. Es war eine Frau. Das habe ich gleich gemerkt. Ich wollte sofort gucken, was da los ist. Mein Begleiter hat das aber nicht ernst genommen. Er hatte nicht das Gefühl, dass da wirklich jemand in Gefahr ist, sondern er hat gedacht, dass es Kinder sind oder irgendjemand der betrunken ist oder der sich einen Scherz erlaubt.
Ich hab ihm gesagt, wir müssten jetzt nachgucken. Er hielt das weiterhin für einen Spaß. Ich habe dann gerufen – einfach: „Hallo?“ Daraufhin habe ich eine Frauenstimme gehört: „Polizei – Hilfe!“ 
Ich habe sofort geschnallt, dass da eine Frau bedroht wird. Vom Gefühl her war ich noch so nah dran an diesem Thema. Denn an diesem Tag hatte ich mich sehr damit auseinander gesetzt. Deswegen hat es mich auch ganz heftig getroffen – weil ich irgendwie von dem Thema persönlich  sehr berührt war. Letztendlich habe ich mich auch nicht darüber gewundert, dass das genau an diesem Tag passiert ist. Das passte.
Ich bin dann los gerannt, ohne es zu merken. Ich hatte auch noch so Klackerschuhe an! Einerseits diese Stille, die da war und andererseits meine Schuhe, die so laut geklackert haben. Das vergesse ich glaub ich nie!
Derjenige, der da bei ihr war, hat bestimmt gemerkt, dass es auf jeden Fall eine Frau ist, die angerannt kommt. Ich hab immer gerufen: „Wo bist du, wo bist du?“
Und bin immer weiter gerannt, ohne es zu merken. Irgendwann hörte ich sie rufen: „Ich bin hier“. 
Ich habe mich dann umgedreht. Mein Begleiter war weg – so 50 m hinter mir. Und ich hatte das Gefühl, der schleicht irgendwie – der geht nicht, der schleicht. Es war natürlich meine Wahrnehmung aber er ist wirklich ganz langsam gegangen. Ich bin dann auch etwas langsamer geworden, weil ich natürlich Angst bekommen hatte. Immer wieder rief ich: 
„Wo bist du?“ 
„Ich bin hier, ich bin hier.“ 
So konnte ich ungefähr ausfindig machen, wo sie ist. Ich habe weiter gerufen und mit ihr gesprochen. Als ich dann fast da war, fuhr ein Auto mit quietschenden Reifen weg. Es war wirklich fast so wie in einem Film. Ich konnte auch das Nummernschild nicht sehen, in dem Moment, ich habe das Auto gesehen, aber es war so ein Schock, dass ich mir nichts merken konnte.
Ich habe gerufen aber sie hat nicht mehr geantwortet. Da habe ich mich total erschreckt und gedacht, jetzt ist sie weg. Ich habe weiter gerufen und gerufen und gerufen. Und endlich hat sie wieder geantwortet. „Hier, hier.“
„Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben. Wir helfen dir – es ist alles vorbei.“
  
Sie stand da – hatte irgendwie kein Oberteil mehr an und sagte, er hätte sie bestohlen. Das kam mir ganz absurd vor, dass sie in so einer Situation davon spricht, dass ihre Sachen weg sind. Dass sie nicht davon spricht, dass er sie vergewaltigen wollte. Sondern sie hat davon erzählt, dass ihr Handy weg ist, ihr Schlüssel, ihr Portemonaie, ihr Personalausweis. 
Ich habe sie gefragt, ob er sie vergewaltigen wollte. Das hat sie bejaht und dann habe ich die Polizei gerufen. Die waren auch ziemlich schnell da. 
Worüber ich in dem Moment sehr wütend war, war, dass da noch zwei andere Menschen waren, die unsere Schreie gehört haben müssen und die aber erst gekommen sind, als alles vorbei war. Genau wie mein Begleiter. Da sind vier andere Menschen in der Nähe und dass dann eine Frau eine Frau retten muss. Das ist unglaublich. Ich war absolut wütend. Auf alle. Wütend auf diesen Mann. Ich weiß, ich stand da und habe nur noch geflucht - was mir im Nachhinein total absurd vorkommt. 
Was mich am meisten berührt hat? 
Ich war stolz auf mich, dass ich sie gerettet hab und dadurch auch ein stückweit mich selbst als Frau. 
Ich bin eine Frau, die sehr oft Angst hat in der Nacht. Das irgendetwas passiert. Dieses Erlebnis war für mich ein großer Schritt. Einer anderen Frau zu helfen, sie zu retten, die sich in so einer bedrohlichen Situation befindet. Das hat mir totales Selbstbewusstsein gegeben. 
Auch die Beziehung, die ich in dieser kurzen Begegnung zu ihr hatte, hat mich sehr berührt. Ich kann mich kaum noch erinnern, wie sie aussah. Ich hab eigentlich eher ihren Gesichtsausdruck im Kopf. Diese Verletztheit. Sie hat ganz stark geweint – so krass war das. Ich kann das nicht so schnell vergessen. 

 
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Elke Werneburg - email: art-herstory@web.de